Postskriptum: Gottfried Helnwein, Gmunden und der Bundespräsident 

Gottfried Helnwein, Erinnerung, 2024, Gmunden, Rathaus
Foto: Rudi Gigler

In seinem Glückwunschschreiben zum 75. Geburtstag von Gottfried Helnwein lobt Bundespräsident Alexander Van der Bellen den Künstler für die „Sprengkraft“ seiner besonders im öffentlichen Raum geschaffenen Werke. Van der Bellen bezieht sich dabei auf die Gestaltung des Wiener Ringturms von 2023, der im Jahr davor ein ähnliches Motiv am Stephansdom vorangegangen war. In Gmunden hat Helnwein nun ein großformatiges Außenprojekt aus drei Teilen an den Fassaden von Rathaus und Stadttheater realisiert. Neuerlich sind Mädchen die Protagonistinnen: Zwei sich küssende betont stilisierte Mädchenköpfe am Rathaus unter dem Titel Erinnerung sowie am Stadttheater mit Die Schrecken des Krieges und Das Lächeln für den Künstler typische, von Modefotografie oder Gebrauchsgraphik inspirierte Motive zweier Mädchen, eine in SS-Uniform, die andere mit blutverschmiertem Kopf. Mitsprache bei Auswahl von Seiten der Veranstalter war nicht erwünscht gewesen, von site specificity oder Beteiligung im Ort keine Rede. Kritik gab es von verschiedenen Seiten mit Protesten und Leserbriefen, wo sogar vom alten Hut die Rede ist, der Gmunden aufgezwungen wurde. Das Mauthausen-Komitee fragte nach Notwendigkeit und Bedeutung der SS-Uniform, wie Olga Kronsteiner im Standard berichtete (06.02.2024) Eine Demontage wurde jedoch von der Politik gegen alle Proteste nicht in Erwägung gezogen.

Gottfried Helnwein, Die Schrecken des Krieges, 2024, Gmunden, Stadttheater
Foto: Rudi Gigler

Von den drei Bildern zeigt Das Lächeln einen liegenden Kopf, ein Motiv, das Helnwein wiederholt beschäftigte, wie etwa Kindskopf 14 in der Ausstellung in der Albertina zu sehen war. Diese Werke haben einen prominenten Vorgänger, wenn es sich nicht um das tatsächliche Vorbild handelt, nämlich Gerhard Richters Bild Betty, das 1977 nach einem Foto von Richters Tochter Babette entstanden ist. Es zeigt den Kopf der liegenden zehnjährigen Babette und wurde wiederholt durch die roten Lippen, die Blässe, die Position des Liegens oder den Blick mit Unbehagen und Verstörung, Aggression oder Instrumentalisierung in Verbindung gebracht. Nicht nur hat Babette Richter sich selbst zur Anwältin des Bildes gemacht, indem sie ihrem Vater Fragen stellte, die sie später mit seinen Antworten auch publizierte, sondern es setzt sich auch die Museumspädagogik im Museum Ludwig in Köln, wo sich das Bild befindet, kritisch mit dem Bild auseinander.(1) Wo sind die Anwält:innen der Mädchen in Gmunden? In der lokalen Politik sind sie sicher nicht zu finden, und auch der „Offene Brief“ Helnweins trägt dazu nichts bei, wenn er darin lobende Kommentare zu seinem Werk aufführt, die alle Zweifel über seine Stellung als „Weltkünstler“ ausräumen sollen. Unter den namhaften Kritikerinnen und Museumsdirektorinnen findet sich hier der schon erwähnte Brief des Bundespräsidenten. In welchem Namen schreiben Sie da, Herr Bundespräsident? Als Fan der Duck-Familie mit der Adressierung „von Donaldist zu Donaldist“? Als Staatsoberhaupt im Namen von allen? Sind Sie und Ihre Mit- und Zuarbeiter:innen da wirklich sachkundig und sattelfest, um sich kompetent zur Kunst äußern zu können? Werden ähnlich herzerwärmende Glückwunschschreiben auch an Elfriede Jelinek oder VALIE EXPORT verschickt und sind Sie auch bei Naturwissenschaftler:innen ähnlich inhaltsfest eloquent?

Gottfried Helnwein, Das Lächeln, 2024, Gmunden, Stadttheater
Foto: Rudi Gigler

Dass der Bundespräsident den gleichen Geschmack hat wie der Dompfarrer, der eben die „Fastenbilder“ für den Stephansdom in Auftrag gegeben hat, zeigt eine interessante Allianz: Die Kirche, das Oberhaupt des Staates und der Weltkünstler, der Ausstellungen macht, „die Menschen zu Tränen rühren“ (Klaus-Albrecht Schröder). Trotz großer Worte um den Künstler war eigenartigerweise in der Albertina keine einzige Leihgabe aus international agierenden namhaften Museen oder Institutionen zu sehen, die anlässlich von Retrospektiven sonst prominent hervorgehoben werden. Einzig die Albertina fungierte neben privaten Personen als Leihgeber. Ist Helnwein tatsächlich Weltkünstler? Oder gilt das nur in Gmunden, in der Albertina, in der Dompfarrei St. Stephan und in der Hofburg?

Wenn nicht anders angegeben, sind alle Zitate dem „Offenen Brief“ von Gottfried Helnwein mit dem Titel „Cancel Culture meets Reichskulturkammer“ entnommen:
https://www.nachrichten.at/kultur/offener-brief-von-gottfried-helnwein-cancel-culture-meets-reichskulturkammer;art16,3920854

 

(1) Siehe etwa die Arbeit von Insa Härtel und Karl-Josef Pazzini (mit Abbildung), „Eine gewisse Gewalt des Imaginären – Über Gerhard Richters ‚Betty‘ (1977)“, Teil 1 und 2, in:
https://zkmb.de/eine-gewisse-gewalt-des-imaginaeren-ueber-gerhard-richters-betty-1977-teil-1/
https://zkmb.de/eine-gewisse-gewalt-des-imaginaeren-ueber-gerhard-richters-betty-1977-teil-2/Siehe auch: Babette Richter, „Glauben. Gespräch mit Gerhard Richter“, in: Babette Richter, Der Andere. Interviews – Versuch einer Annäherung, Köln 2005.

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Fraumatisch – Anna Meyer im Bauhaus Dessau

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Gottfried Helnwein. Realität und Fiktion