Anselm Kiefer in der Wiener Staatsoper
Anselm Kiefer, Solaris (für Stanislaw Lem), 2023, Eiserner Vorhang, museum in progress, Wiener Staatsoper 2023/2024
Foto: Andreas Scheiblecker, © museum in progress
Für die Saison 2023/24 wählte die Jury Anselm Kiefer aus, der den 26. Eisernen Vorhang der Wiener Staatsoper mit seinem düster-melancholischen Bild Solaris (für Stanislaw Lem) gestaltete, das sich auf den gleichnamigen Planeten aus dem visionären Roman von Stanislaw Lem bezieht. Gewiss ist die Oper kein Ort der Weltpolitik, doch angesichts des Zustandes unseres Planeten hätte man sich zur Fortsetzung der Reihe weniger traditionell Verfestigtes gewünscht. Die Pressestimmen in Österreich waren sich hingegen einig, dass mit der Wahl ein Coup gelandet wurde und ein hochkarätiger Künstler gewonnen wurde, „der in der Kunstwelt der vergangenen 50 Jahre besonders tiefe Spuren gegraben hat," wie Operndirektor Bogdan Roščić anlässlich der Pressekonferenz am 8. November unterstrich. Immerhin ist man dem Kunsthistorischen Museum zuvorgekommen, das sich in den letzten Jahren für ähnliche Größen am Kunstmarkt wie etwa Georg Baselitz oder Lucian Freud zuständig fühlte, unter denen Kiefer bislang noch fehlte. Selbstredend war es für Kiefer, dem das Monumentale ein Anliegen ist, kein Problem die 176 m2 zu meistern, wenngleich im Druck nun keine seiner üblichen, teilweise verkohlten Materialien, wie er sie erst im letzten Jahr ausgiebig in seinem monumentalen Zyklus im Palazzo Ducale in Venedig eingesetzt hatte, zum Zug kommen. Das Original, das die Vorlage für den Druck abgab, hängt noch in Kiefers Atelier, und auf die Frage, ob es einst in einem Museum hängen wird, soll Kiefer gesagt haben: „Ja, wenn das Museum groß genug ist!"
Anselm Kiefer, Solaris (für Stanislaw Lem), 2023, Eiserner Vorhang, museum in progress, Wiener Staatsoper 2023/2024
Foto: Andreas Scheiblecker, © museum in progress
Von „Spuren“, namentlich „Brennspuren“ (der Worte von Paul Celan und Richard Wagner, nun aber vermutlich von Lem) spricht auch Florian Illies, der in Kiefer einen Seher im antikischen Sinne sieht.(1) Tatsächlich bleiben wir mit Kiefers Kunst zumeist an der Oberfläche und nun in der Oper auf Lems Planet, der von einem aktiven und wissenden Meer bedeckt ist, das Formen und Gestalten ausbildet, die die Wissenschaftler mit ihrer unterdrückten Vergangenheit konfrontieren. Bei Kiefer hingegen ist es ruhig und menschenleer: Das Bild zeigt eine Meereslandschaft ohne Schwelle eines Vordergrunds, in der das Wasser horizontale Lagen ausbildet. Es ist ein ebenso dunkles wie erhabenes Szenario, an dessen tiefem Horizont man Formationen wahrnimmt, die wie Feuer anmuten. Im oberen Bildteil sind es hellere, fast luftige formlos nebelartige Gebilde, die, obwohl gestreut, den Eindruck von Gleichmäßigkeit, wenn nicht Symmetrie erzeugen. Die mit dem Titel quasi programmatisch bekräftigte Referenz an Lem scheint allerdings weniger eine Rolle zu spielen als das Vorbild klassischer Seestücke, wie man sie zahlreich aus der Kunstgeschichte und freilich von Caspar David Friedrich kennt. Zumal wenn eines der Pressefotos den Künstler vor dem Bild zeigt, meint man, der Mönch am Meer oder eine andere Rückenfigur Friedrichs hätte sich dem Publikum zugewandt.
In einem begleitenden Text von Christoph Ransmayr beschwört dieser „die eiserne Zeit“ und verbindet so Kiefers „Eisernen“ Vorhang mit den Visionen und Utopien von Solaris in ein Konglomerat von Zukunft und Vergangenheit, das Geschichte mit Mythos gleichsetzt. Mehr als bei Lem sind wir in Ransmayrs Text bei Kiefers Vorstellung von Zeit, dem „Rumoren einer Vorzeit, die düster und bedeutungsschwer auf der Nachwelt lastet“(2). Mit Solaris und dem Blick auf ein monumentales Naturstück sind wir zweifelsohne der Enge der Welt entkommen. Das ist in der Oper fraglos vorgesehen und mit dem Eisernen Vorhang bisweilen auch, bevor die Vorstellung beginnt.
Kara Walker, Eiserner Vorhang, 1998, museum in progress, Wiener Staatsoper 1998/1999
© museum in progress
Der Eiserne Vorhang ist ein Brandschutz, der den Bühnenraum von dem der Zuschauer:innen trennt. Nach dem Brand des Ringtheaters 1881 wurde er als verpflichtend eingeführt und in der Nachkriegszeit von Rudolf Eisenmenger gestaltet. Das museum in progress hat 1998 gemeinsam mit der Wiener Staatsoper die Projektreihe gestartet, den Vorhang von Eisenmenger aufgrund dessen problematischer Rolle in der NS-Zeit mit zeitgenössischen Werken zu überlagern. Kara Walker hat dies mit dem ersten Vorhang bravourös vorgeführt, dem aus der Sicht von Geschichtsbewältigung wenig gefolgt, nichtsdestotrotz eine schöne Bildergalerie entstanden ist. Für die Besucher:innen der Oper, die den Zuschauerraum betreten, ist der Vorhang ein nicht zu übersehendes Bild. Viel Zeit für eine kontemplative Betrachtung ist allerdings nicht, wenn man seinen Platz und eventuell ein Programm sucht. Und wer beachtet schon in den Pausen oder nach den Vorstellungen den Eisernen Vorhang? Vermutlich wenige. Einige der Künstler:innen haben das Bild als eine Art Spiegel interpretiert, wie etwa Cerith Wyn Evans, der den Vorgeschmack auf das Opernerlebnis in einen Text fasst, der mit „Lass es zu…“ beginnt. Richard Hamilton hat sein Bild als Palindrom begriffen, als eine Art Umkehrschluss, wenn es den vollbesetzten Zuschauerraum der Mailänder Scala zeigt und die Besucher:innen quasi zwischen zwei gespiegelte Räume, den des Bildes und den realen, situiert. Die Hereinkommenden werden mit einem Bild überrascht, das sie, trotzdem sie Teil davon sind, realiter nie sehen.
Richard Hamilton, Retard en Fer – Delay in Iron, 2001, Eiserner Vorhang, museum in progress, Wiener Staatsoper 2001/2002
© museum in progress
Während die genannten Beispiele aktuelle Momente zu erfassen suchen, um Bild, Theater und Publikum einander anzunähern, spielen die aktuellen Besucher:innen bei Kiefer kaum eine Rolle. Im Gegenteil operiert er mit Fernsicht und Distanz. Ein wichtiges Element dabei ist die Stimmung, die mit verschiedenen Mitteln wie Farbgebung und Komposition erreicht wird. In seinem legendären Aufsatz „Die Stimmung als Inhalt in der modernen Kunst“ hat Alois Riegl die Fernsicht mit Ruhe und Harmonie verbunden, in der der Mensch, der Feind der Stimmung, abwesend ist. Diesen erhebenden Zustand erlebt Alois Riegl am Gipfel eines Berges mit Blick ins Tal, findet ihn aber ebenso am Meer: „Auch dort wo das Niveau der trockenen Erdkruste am tiefsten – am Meeresstrand – kann uns die Stimmung nahen, wenn Ruhe und Fernsicht sie hervorlocken.“(3) Dass diese stimmungsvollen fernsichtigen Blicke nicht ewig sind, konterkariert Riegl mit dem Aufspringen einer Gämse, die als taktil-nahsichtiges Element jegliche Stimmung verscheucht. Dass Riegls Kategorien von Fern- und Nahsicht, von optisch und taktil implizit mit Horizontalität und Vertikalität verbunden sind, hat Katharina Brandl überzeugend dargelegt, die in ihrer komplexen Abhandlung der Frage nachgeht, wie Riegl ebenso implizit Vertikalität in seine Vorstellungen zu Fernsicht einschreibt wie er Horizontalität in seine Vorstellung von Nahsicht integriert.(4) Nahsicht als besondere Eigenschaft der Fernsicht weiß auch Kiefer zu nutzen. Ransmayr beschreibt es in seiner dramatischen, vom Bild allerdings gänzlich abweichenden Schilderung des Ozeans, den er in „langgezogenen Brechern aus Kiefers Gemälde auf das in dunklen Reihen ein bloßes Singspiel erwartende Publikum“ zukommen sieht. Diese Dramatik kann die horizontale Zeichnung des Meeres nicht leisten, die vielmehr auch mit Nähe Ferne suggeriert. Dem „Seher“ (Florian Illies) vermutlich nicht unähnlich verliert sich das Publikum in die Tiefe eines Bildes, das Bedeutung und Ewigkeit verspricht. Indessen dauert diese „Ewigkeit“ nur wenige Minuten, bevor der Vorhang nach oben entschwindet und die Opernvorstellung ihren Lauf nimmt.
Cerith Wyn Evans, Eiserner Vorhang, 2011, museum in progress, Wiener Staatsoper 2011/2012
© museum in progress
Wenn nicht anders angegeben, stammen alle Zitate aus dem Pressetext bzw. aus dem Eintrag „Anselm Kiefer“ auf mip.at.
(1) Florian Illies, „Aus den Ruinen der Zukunft. Seit über 50 Jahren spürt Anselm Kiefer den historischen Lebenslügen der Deutschen nach. Eine Laudatio anlässlich seiner Auszeichnung mit dem Deutschen Nationalpreis, in: Die Zeit, 03.07.2023.
(2) Peter Geimer, „Zu Hause im Dinosauriergehirn“, in: FAZ, 28.01.2016.
(3) Alois Riegl, Die Stimmung als Inhalt in der modernen Kunst, 1899, zit. nach:
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/gk1899/0058/image,info
(4) Katharina Brandl, „Vertikale, Horizontale. Zur impliziten Horizontalität in Alois Riegls Grundbegrifflichkeiten“, zit. nach:
https://allover-magazin.com/?p=1840