Broncia Koller-Pinell

Ausstellungsansicht Broncia Koller-Pinell. Eine Künstlerin und ihr Netzwerk, Belvedere Wien 2024
Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Eine Künstlerin und ihr Netzwerk

Belvedere Wien, 15.03. bis 08.09.2024

In der legendären Kunstschau von 1908, in der Broncia Koller-Pinell Bilder und Holzschnitte zeigte, war auch ein Porträt von ihr zu sehen, von Heinrich Schröder ausgeführt, mit dem sie über viele Jahre eine Ateliergemeinschaft teilte. Später werden sie andere Künstler:innen wie Anton Faistauer, Albert Paris Gütersloh, Carl Hofer oder ihre Tochter Silvia porträtieren, was nun neben einer Auswahl an Werken von Koller-Pinell den Kern der Belvedere-Ausstellung Broncia Koller-Pinell. Eine Künstlerin und ihr Netzwerk bildet, die kuratiert von Alexander Klee und Katharina Lovecky von Nicole Six und Paul Petritsch gestaltet ist. In einer Grafik wird Koller-Pinell ins Zentrum ausstrahlender Linien gesetzt, die Persönlichkeiten des Wiener Kunst- und Kulturlebens um 1900 bzw. der Zwischenkriegszeit ausschildern, darunter einige Frauen, aber nur vereinzelt Künstlerinnen. Die Verbindung Koller-Pinells zu den Kunstschaffenden basierte auf gemeinsamen Interessen, auf Gruppierungen, Austausch oder Freundschaft und wurde im großbürgerlichen Ambiente der Kollers in Wien und Oberwaltersdorf gepflegt. Es ist ein soziokulturelles Umfeld, das hier herausgestellt wird und Koller-Pinell eine Doppelrolle als Künstlerin einerseits, als Mäzenatin und Gastgeberin andererseits zuweist. Das Schmuckstück auf dem erwähnten Porträt von Schröder wurde für „Frau Dr. Hugo Koller“ von Josef Hoffmann für die Wiener Werkstätte entworfen.(1) „Alles in diesem Haushalt war vollkommen“:(2) Von Repräsentation zeugen in der Ausstellung neben den schon erwähnten Porträts immer wieder Verweise auf Familie, Haus und Besitz. Davon ist allerdings nur noch wenig vorhanden, wie einige anonyme Objekte wie ein Schirmständer oder Keramiken in der Ausstellung belegen, die, gemessen an dem, was eine einzelne Rechnung der Wiener Werkstätte an Dr. Hugo Koller an Gegenständen auflistet, eher spärlich anmuten.(3)

Broncia Koller-Pinell, Selbstbildnis, um 1905, Ausstellung Broncia Koller-Pinell. Eine Künstlerin und ihr Netzwerk, Belvedere Wien 2024
Foto: Landessammlungen NÖ

Von Koller-Pinell werden viele ihrer wichtigsten Werke gezeigt, unter denen ein Selbstporträt, das um 1905 datiert wird, zweifelsohne einen Höhepunkt darstellt. Wie keines der anderen Bilder spricht es von Selbstermächtigung und beansprucht Autonomie in Bezug auf Person UND Malerei. Es ist auch deswegen singulär, weil keine anderen Selbstporträts in der Ausstellung gezeigt werden und überdies kaum fotografische Porträts der Künstlerin vorkommen. Da gibt es etwa eine Fotografie von Koller-Pinell auf demselben Stuhl, den wir aus dem Porträt der Mutter kennen, einem Modell von Prag-Rudniker.(4) Wenn ein Abgleich von Eigen- und Fremdbild immer wieder eine Rolle spielt, wären die fotografischen Bildnisse eine wichtige Ergänzung gewesen. Eine Fotografie zeigt sie 1932 in einem Kleid aus dem WW-Stoff „Kardinal“ von Dagobert Peche als eine beeindruckende Erscheinung, wie sie auch Gütersloh einige Jahre davor porträtiert hatte.

Broncia Koller-Pinell, Die Mutter der Künstlerin, 1907, Ausstellung Broncia Koller-Pinell. Eine Künstlerin und ihr Netzwerk, Belvedere Wien 2024
Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Frontal mit starkem Kontrast von hellem Hintergrund und dunklem Gewand ist das Selbstporträt angelegt. Koller-Pinell trägt einen kimonoartigen Mantel mit weißem Besatz, wie ihn Kimonos ähnlich aufweisen, die Hände sind ruhig übereinandergelegt, und die Haare sind in einer Art aufgesteckt, die an japanische Haartracht denken lässt. Expressive Pinselstriche und eine raffinierte Farbgebung kennzeichnen das Porträt, das nur bedingt nach Ähnlichkeit strebt, sondern sich mittels Malerei, Kleidung und Frisur gerade davon absetzt. Auch das Gesicht folgt eigenen malerischen Regeln und besticht durch die Blickführung nach unten, die alles, was in dem Bild Gestik ist, in sich konzentriert und die Betrachter:innen ausschließt. Summarisch angedeutet ist die Streifenmusterung, die sich von Raum oder Perspektive gänzlich unabhängig gemacht hat. 1905 hatte der Japonismus, der sowieso verspätet nach Wien gekommen ist, seinen Höhepunkt bereits überschritten. 1903 wurden auf der XVI. Secessionsausstellung japanische Farbholzschnitte gezeigt, die Koller-Pinell vermutlich bereits bekannt waren. Wenn sie den Salon Flöge, wo sie ebenso Kundin war wie später in der Modeabteilung der Wiener Werkstätte,(5) besuchte, muss sie auch den Paravent von Kolo Moser mit Buntpapier-Klebebildern von stilisierten japanischen Frauendarstellungen gesehen haben. Dennoch waren es für das Selbstporträt vermutlich weniger einzelne konkrete Einflüsse, als dass Koller-Pinell Assoziationen nützte, um formale und inhaltliche Funktionen des Porträts neu zusammenzuführen. Ist das Bild tatsächlich um 1905 entstanden? Warum hat sie es dann nicht in der Kunstschau 1908 gezeigt?

Broncia Koller-Pinell, Sitzende (Marietta), 1907, Ausstellungsansicht Broncia Koller-Pinell. Eine Künstlerin und ihr Netzwerk, Belvedere Wien 2024
Courtesy: Sammlung Eisenberger und Belvedere, Wien

Was ihre Rolle als Künstlerin betrifft, gibt es sicher viele Aspekte, einer ist die Ateliergemeinschaft von Koller-Pinell mit Schröder, die als „kombinatorische Kreativität“ (Katalog) beschrieben wird. Ungeachtet der überbordenden Literatur zur Dekonstruktion des Autors und zur kollektiven Arbeitsweise der Avantgarden seit der Moderne wird diese als Gegenmodell zum „einsamen Künstler im Atelier“, dessen Vorstellung „unsere postromantische Welt“ beherrscht, in Stellung gebracht.(6) Entscheidend für Koller-Pinell war, dass sie nicht verkaufen musste. Auffällig an ihrem Werk ist, dass es aus einem sehr schmalen Oeuvre besteht und heterogen ist. Ein kleines Oeuvre haben in der Zeit auch andere Frauen wie Marianne von Werefkin oder Elsa von Freytag-Loringhoven, später etwa Christine Kozlov oder Charlotte Posenenske. Dies ist ebenso ein bekanntes Phänomen wie früh verstorbene Künstler (wie etwa Peter Röhr) ein auffallend umfangreiches Ouevre haben können. Auch für Heterogenität gibt es Beispiele, wie etwa das Werk von von Werefkin zeigt. Ebenso fehlt Gabriele Münter bisweilen eine durchgehende Stilhaltung, und sie hat angesichts von den sehr unterschiedlichen Ansätzen, die ihre Selbstporträts der Jahre 1908 bis 1911 kennzeichnen, die Frage gestellt: „Darf einer so wie ich verschieden malen?“(7) Koller-Pinell hat diesbezüglich die unterschiedlichsten stilistischen Kategorisierungen erfahren. Seit ihrer Ausbildung in München haftet ihr etwas „Münchnerisches“ an, das ihr den Beginn in Wien nicht leicht machte. Gewiss hat das Bild Sitzende (Marietta) etwas von Klimts ornamentalen Hintergründen, aber hat es in seiner Feinfühligkeit nicht mehr von Paula Modersohn-Becker oder den Nabis? Die Ausstellung hat sich einen recht engen topographischen Rahmen gesteckt, dabei sind die Kollers viel herumgekommen und gereist. Braucht Koller-Pinells Werk tatsächlich das sie einengende Korsett des Netzwerks, obwohl ihre Ambitionen sehr viel weitreichender und internationaler waren?

(1) Eintrag G 749 vom 15.05.1907, freundlicher Hinweis von Elisabeth Schmuttermeier.

(2) Aussage von Margarethe Charoux, zit. nach: Die Malerin Broncia Koller, 1863-1934, Ausstellungskatalog Wien 1980, S. 19.

(3) Abgebildet bei Wolfgang Georg Fischer, Gustav Klimt und Emilie Flöge, Wien 1987, S. 39.

(4) Stuhl „Weilburg“ von Prag-Rudniker, freundlicher Hinweis von Elisabeth Schmuttermeier.

(5) Rechnungen bei Fischer, wie Anm. 3, S. 36 ff.

(6) Zit. nach Katalog S. 60.

(7) Zit. nach Uwe M. Schneede, „‚Darf einer so wie ich verschieden malen?‘ Die Selbstbildnisse“, in: Kathrin Baumstark, Gabriele Münter. Menschenbilder, Hamburg/München 2023, S. 50.

 

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