
Con i miei occhi – Mit meinen Augen
Es gibt kaum einen größeren Gegensatz zum Massentourismus in Venedig als das Frauengefängnis auf der Giudecca in einem alten Kloster. Hier die Millionen Tourist:innen, die die Lagunenstadt in Besitz nehmen, dort ein geschlossenes Haus, wo verurteilte Frauen von der Öffentlichkeit weggesperrt, eine bestimmte Zeit ihr Leben in diesem engen Rahmen verbringen müssen. Als Strafe und, wie Papst Franziskus es bei seinem Besuch am 28. April 2024 im Gefängnis formulierte, in der Hoffnung auf seelische und körperliche Erneuerung.(1)
In diesem Frauengefängnis, ursprünglich ein Kloster, das auf das 16. Jahrhundert zurückgeht, ist 2024 der Pavillon des Heiligen Stuhls der 60. Biennale von Venedig untergebracht, kuratiert von Bruno Racine und Chiara Parisi.

Angelika Loderer
Die jüngste Ausgabe von Texte zur Kunst, die der Skulptur gewidmet ist, beginnt mit der Feststellung, dass die Bezeichnung Installation zunehmend in den Hintergrund tritt, während der Begriff des Skulpturalen Konjunktur hat.(1) Wie aber verhält es sich mit Präsentationen von Objektgruppen, die der Skulptur verpflichtet sind, allerdings ebenso konstellative, wenn nicht installative Situationen ausbilden, wie das in Angelika Loderers Ausstellung Soil Fictions im Belvedere 21 der Fall ist?

Broncia Koller-Pinell
In der legendären Kunstschau von 1908, in der Broncia Koller-Pinell Bilder und Holzschnitte zeigte, war auch ein Porträt von ihr zu sehen, von Heinrich Schröder ausgeführt, mit dem sie über viele Jahre eine Ateliergemeinschaft teilte. Später werden sie andere Künstler:innen wie Anton Faistauer, Albert Paris Gütersloh, Carl Hofer oder ihre Tochter Silvia porträtieren, was nun neben einer Auswahl an Werken von Koller-Pinell den Kern der Belvedere-Ausstellung Broncia Koller-Pinell. Eine Künstlerin und ihr Netzwerk bildet, die kuratiert von Alexander Klee und Katharina Lovecky von Nicole Six und Paul Petritsch gestaltet ist.

Auf den Schultern von Riesinnen
Unter dem einprägsamen Titel Auf den Schultern von Riesinnen versammelt Nina Schedlmayer 14 künstlerische Positionen von Frauen, die sich in eine weibliche Geschichte der Kunstproduktion einschreiben und sich mit dem Schaffen von Künstlerinnen anderer Generationen von Artemisia Gentileschi bis Anna-Lülja Praun, Valie Export und Florentina Pakosta befassen.vDie Ausstellung ist nicht nur informativ, sondern auch vergnüglich, weil man beim Ansehen immer wieder neue Künstlerinnenpositionen und -geschichten kennen lernen kann.

Fraumatisch – Anna Meyer im Bauhaus Dessau
Der mit gleich 18 Arbeiten fulminanten Ausstellung, die aus einem längeren Stipendienaufenthalt am Bauhaus Dessau resultierte, ging eine intensive Recherche voraus. Anna Meyer interessierte dabei vor allem die Rolle der Frau am Bauhaus Dessau, frühe ökologische Bewegungen in Dessau und die Leerstellen der Moderne, die gerade in den Ideen des Bauhauses manifest erscheinen und bis heute das Leben auf dem „Planet Bauhaus“ in fataler Weise mitbestimmen. Diese drei Aspekte schließt Anna Meyer dann in ihrer Ausstellung in so intelligenten wie überraschenden Variationen kurz mit unserer aktuellen politischen Situation. Dass die Ausstellung in der ehemaligen Weberei des Bauhaus Dessau, also dem Ort, an dem damals vor allem Frauen tätig sein durften, stattfindet, unterstreicht zusätzlich die feministische Verve von Planet B Haus.